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Bericht der Vollweidexkursion vom 22.03.2006 in die Schweiz

Matthias Becker, BÖL-Rottenburg

Wie auch im letzten Frühjahr, sind wir wieder mit 15 Teilnehmern in die Schweiz gefahren, um zu schauen, wie es dort mit der Vollweide bestellt ist. Die Schweizer sind da schon etwas länger damit beschäftigt und haben in Studien das System näher durchleuchtet. Es war ein sehr interessanter Tag und wir konnten eine Menge neuer Anregungen mit nach Hause nehmen. Der Austausch untereinander ist mit das Wichtigste, um praktische Ideen und auch Motivation für die tägliche Arbeit zu Hause zu bekommen. Mehr zum Thema Vollweide unter: www.weidemilch.ch

Gruppe auf der Weide

1. Betrieb:
Schenk Karl, Steingasse 24, CH- 4934 Madiswil

"Von Dezember bis Februar Melkpause und im Februar in die Skiferien mit der Familie"

Seit 1996 Biobetrieb, seit 2001 saisonale Abkalbung. Keine eigene Nachzucht, reiner Abmelkebetrieb. Kauft Nachzucht zu, was zu gesundheitlichen Problemen, besonders bei der Eutergesundheit Staph. Aureus) führt. Emmentalerbetrieb, deshalb reine Heufütterung. Karl Schenk brachte spürbar rüber, was für eine Steigerung der Lebensqualität für ihn die Melkpause einbrachte. Zeit für Familie (5 Kinder) und sich selbst, mal Urlaub machen, um dann wieder mit neuer Motivation in den Kuhstall zu gehen. Die Kühe stellten nur einen Betriebszweig dar, neben Beerenobst und Ackerbau (Kartoffeln). Im Sommer muss "nur" zweimal gemolken werden, der Rest passiert auf der Weide.

Kühe:
Die Fleckviehherde machte einen sehr homogenen und ruhigen Eindruck. Die 5.000 kg Duchschnittsleistung werden nur aus dem Grundfutter erzeugt. Seit 2 Jahren werden kein Kraftfutter und kein Mineralfutter zugefüttert, nur noch reines Meersalz wird gefüttert. Problem mit Festliegen gibt es nicht. Die Kühe werden mit einem Angusstier gedeckt, der von einem Betrieb für die Deckzeit von April bis Mai ausgeliehen wird. In 5 Woche sind alle Tiere gedeckt und dann hoffentlich auch bis zum Schluss tragend.
Die Kühe werden mit dem Graswachstum trockengestellt, das heißt Ende November gibt es kein Gras mehr, dann ist Schluss mit melken und die Melkerferien beginnen (Dezember, Januar, Februar).

Auslauf am Stall

Abkalben:
Die Abkalbesaison beginnt im Januar und ist in der Regel Mitte März vorbei. Die Kühe kalben in einer großzügigen Abkalbebox. Die Kühe bleiben einen Tag mit dem Kalb allein, damit die Biestmilch gesichert ist. Dann kommen Kuh und Kalb zu den anderen Kühen und Kälbern. Die Kälber werden an den abgekalbten Kühen aufgezogen. Auf jede Kuh kommen ungefähr 2,5 Kälber. Die Kühe bleiben nach dem abkalben bei den Kälbern und werden dann nach und nach getrennt, je nachdem wie viel Kühe gerade neu abgekalbt haben, so dass eben immer 2,5 Kälber auf eine Kuh kommen. Die Kälber bleiben 3 bis 4 Wochen bei den Ammen und werden dann an einen Mäster zu guten Preisen verkauft. Die Kälber sind gesund und machen wenig Arbeit. Befürchtete Problem bei der Annahme der Kälber durch die Ammen gab es nicht, auch wenn eine Kuh nicht mag, spätestens wenn sie im Fressgitter eingesperrt steht, kommen die Kälber auf ihre Kosten. Man sah es den Kälbern auch an, sie standen sehr gut im Futter und fühlten sich in der Herde sichtlich wohl.

Im Tiefstreustall

Fazit:
Für Fam. Schenk gibt es kein Zurück mehr. Sie haben im Betrieb mehrer Standbeine und den Zweig Milchvieh so eingereichtet, dass es mit einem möglichst geringen Arbeitszeitaufwand zu realisieren ist, ohne dabei die Tiere zu vernachlässigen. Die Haltung war vorbildlich, Herr und Frau Schenk machten einen glücklichen Eindruck.


2. Betrieb:
Brönnimann Beat, Düttisberg 1, CH-3400 Burgdorf

"Die Kühe werden mit Hund und Motorrad zum Melken in den Stall getrieben"

Der konventionelle Betrieb hält ca. 22 Schwarz- bzw. Rotbunte Kühe, davon 8 Jerseys und 8 F1 Kreuzungen. Die Jerseys werden in erster Linie wegen der Milchinhaltsstoffe gehalten. Die Kühe eignen sich sehr gut für das System Vollweide, nur die Kälber bringen keinen nennenswerten Erlös.

Weide:
In den ersten 2 bis 3 Wochen werden alle Flächen überweidet (Vorweide). Erst danach werden dann die Weideflächen zugeteilt, bzw. ab Anfang Mai die Kunstwiesen (Ackerfutter) gemäht. Weidpflege: ein Teil der Fläche wird mit der Wiesenegge bearbeite, um die Güllekruste aufzubrechen. Beim Großteil der Flächen findet kein Abschleppen statt. Wirkung wird von Beat Brönnimann in Frage gestellt auch kostet es Geld und Zeit.
Die hofnahen Parzellen werden zuerst gemäht und dann zur Weidefläche hinzugegeben. Zur Futterbereitung werden Maschinen von Kollegen ausgeliehen. Das hält die Maschinenkosten niedrig. Wichtig: Grashöhe regelmäßig kontrollieren. Im Schnitt sollte das Gras 8 cm Wuchshöhe habe, ist es kürzen, dann mehr Fläche, ist es zu lang dann weniger Fläche. Das ist für einen Nachhaltigen guten Grasbestand sehr wichtig.
Standorte die eher trocken sind werden bevorzugt nachts beweidet, die feuchteren tagsüber.
Düngung: Gülle im Frühjahr und Herbst zusätzlich 120 kg Stickstoff in Form von Mineraldünger je ha.

Abkalben:
Die Kühe kalben von Anfang Februar bis Ende März ab. Die Kälber bleiben ca. 12 Std. bei der Mutter und werden dann an den Nuckeleimer gewöhnt, bevor sie in die Kälbergruppe kommen. Die Kälber werden mit 10% joghurtangesäuerter Milch getränkt und zwar wurde ein KG-Rohr mit 50 cm Durchmesser aufgeschnitten und Kälbernuckel in einer Reihe montiert. So können auf einmal alle Kälber trinken. Ende April ist die Tränkezeit vorbei, dann kommt die Nachzucht auf einen Aufzuchtbetrieb.

Kälbertränke mit KG-Rohr

Kühe:
Die Kühe geben im Durchschnitt 6.000 kg Milch. Nach der Umstellung auf Vollweide ging die durchschn. Milchleistung zurück. In den ersten 100 Tagen werden ca. 230 kg Kraftfutter gefüttert. Ab Anfang Dezember bis 1. Februarwoche stehen die Kühe trocken, dann beginnt die Melkpause.
Ein häufiges Problem stellt das Eintreiben der Kühe dar, das hat Beat mit Motorrad und Hund gelöst, in nur wenigen Minuten sind die Kühe im Stall. Die Kühe werden in der Regel besamt.

Fazit:
Für die bestehenden Altgebäude, die nicht gerade den Anforderungen einer besonders artgerechten Milchviehhaltung entsprechen (Anbindestall mit Gitterrost) wurde auch deutlich,  Ziel mit der vorgegebenen Situation, kostengünstige Milch zu produzieren.


3. Betrieb:
Martin Hadorn, Chutzenstrasse 27 A, CH- 3047 Bremgarten

"Jede Kuh besitzt ein integriertes Frontmähwerk und einen Gülleverteiler"

Auffallend war die zentrale Lage am Rande eines Wohngebietes. Die Milchzapfstation und der kleinen Hofladen ließen schon auf Publikumsverkehr schließen. Martin Hadorn abreitet noch außerhalb der Landwirtschaft zu ca. 50 bis 60%. Den Hauptteil der Arbeit im Stall wird von seinem rüstigen Vater erledigt. Seit 5 Jahren wird hier schon die Blockabkalbung betrieben. Der Impuls kam, von woher auch sonst, aus Neuseeland. Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Vollweide sei nach Aussagen von Martin, nicht genau messbar, aber sowohl die variablen Kosten wie z.B. Kraftfutter und Tierarzt sowie die Arbeitsbelastung seien in jedem Fall gesunken. Mitte Dezember bis Mitte Februar gibt es auch hier die Melkerferien. Die wichtigste Zeit um das Familienleben zu pflegen.

Kühe:
Die 24 Kühe wurden in dem zum Laufstall umgebauten Altgebäude gehalten. Im Außenbereich wurden einfache Liegeboxen installiert mit drei Futterraufen, die mit Heu, Gras- und Maissilage bestückt wurden. Die Kühe werden in einem mobilen Weidemelkstand gemolken. Grund dafür sind die entfernten Grünlandflächen. Ab Mitte/Ende April bis Ende Oktober, steht der Melkstand dann auf der Weide. Die Milch wird mit einem mobilen Milchtank auf den Hof gefahren.
Arbeitsspitzen entstehen vor allem von März bis Mai, also bei der Blockabkalbung, Brunstbeobachtung und Wiederbelegung. Ab Juni kommt dann ein Stier dazu. Tiere die dann nicht trächtig werden scheiden aus. Stehen die Kühe trocken ist der tägliche Arbeitsaufwand im Stall ca. 1 Stunde.
Fruchtbarkeitsmanagement: Die Tiere werden am Schwanzende mittels spezieller Farbe oder normaler Dispersionsfarbe mit verschiedenen Farben markiert. Die Farbe wird bei brünstigen Tieren (Aufspringen) abgerieben. Auf Grund der Farbe ist der "Status" des Einzeltieres einfach zu erkennen. Und noch nebenbei: die Remontierungsrate liegt bei 25%.

Und so geht’s:

9. April:
21 Tage vor der Besamung werden alle Kühe gelb markiert. Wird die Farbe abgerieben durch das Aufspringen, so werden die Tiere grün markiert, damit alle brünstigen Kühe erkannt werden.

30. April:       
Alle noch gelben Kühe werden untersucht, weshalb, sie nicht brünstig werden.

1. Mai: 
Kühe werden besamt (künstlich) und die besamten Kühe rot markiert.

21. Mai:        
Alle noch grünen Kühe werden untersucht, weshalb sie noch nicht aufgenommen haben.

Ende Mai - Juni:
Kühe mit Nachbesamung oder ab Juni mit Mini gedeckten Kühe werden dann blau markiert.

10. Juli:
Spätestens ab 10. Juli ist dann Ende der Besamung, das ist auch wichtig, sonst klappt das Ganze nicht mit der Trockenstehzeit und die Abkalbung zieht sich zu weit in Frühjahr. Probleme gab es schon mit Frühaborten, was eventuelle an der frühen Vorweide lag, weil das Futterangebot einfach zu knapp war.

Kälberaufzucht:
Die Kühe kalben im Altgebäude in einer Abkalbebox ab. Die Kälber bleiben die ersten Stunden bei der Mutter und werden dann an den Nuckeleimer gewöhnt. Klappt das Tränken aus dem Nuckeleimer, kommt das Kalb in die Gruppe. Dort werden die Kälber mit einer "Gemeinschaftstränke" getränkt, das ist ein großer Bottich, der an der Wand hängt und mit 10 bis 15 Nuckeln versehen ist. Martin benutzt die neue Tränke das erste Jahr, viele Erfahrungen hat er damit noch nicht. Früher wurden die Kälber wie üblich mit Eimern ohne Nuggis getränkt und anschließend gab es dann die bekannten "Saugorgien". Zitat Martin: "Das neue System ist so konstruiert, dass die Kälber relativ intensiv saugen müssen um die angebotene Milch zu trinken, bleibt der Tränkekübel anschließend hängen, ist nach einer gewissen Zeit die "Saugbefriedigung" erreicht. Ich hoffe und gehe davon aus, damit das Problem ohne Zusatzmaßnahmen wie einsperren (habe ich eh nie gemacht) und ähnliches in den Griff zu bekommen." Da ich nicht weiß, wo es so eine Tränke in Deutschland gibt, hier die Internetadresse aus der Schweiz: www.hauptner.ch.  Jedenfalls eine interessante Alternative zu den herkömmlichen Eimern. Dort kann man den Katalog bestellen. Ende April ist dann die Tränkezeit vorbei und die Kälber kommen dann auf die "beste" Weide und etwas Kraftfutter. Sie müssen ja mit 24 Monaten wieder abkalben.

Zucht:
Was auch nicht neu ist, so eigenen sich für das Vollweide System die eher mittelrahmigeren Kühe (ca. 550 kg LG). Martin ist da auch auf der Suche nach Bullen aus Neuseeland, die auch auf die Anforderungen an das Vollweidesystem gezüchtet wurden. Eben robuste Tiere, die frühreif sind und viel Milch aus dem Gras erzeugen können.
Das Hauptselektionsmerkmal ist die Fruchtbarkeit. Kühe die in den 2 Monaten nicht tragend werden, scheiden aus dem System aus, das ist schmerzhaft, da dies auch gute und alte Kühe sein können, von denen man sich dann verabschieden muss.

Weide:
Den 24 Kühen stehen 12 ha intensiv genutztes Grünland zur Verfügung. Je ha Hauptfutterfläche (HFF) werden ca. 15.000 kg Milch erzeugt. Die Gesamtverluste bei der Weide schätzt Martin auf nahezu null, wenn der Weidedruck stimmt. Das bedeutet regelmäßiges Messen der Rasenhöhe ist unerlässlich (Durchschnitt 8 cm Rasenhöhe). Das ist auch der Faktor Nummer eins, ob die Vollweide funktioniert, es muss so viel nachwachsen, wie gefressen wird. Hört sich einfach an, ist aber in der Umsetzung anspruchsvoll. Die Kühe erhalten zu Beginn der Weidesaison ca. 300 kg Kraftfutter.

Fazit:
Auch in diesem Betrieb stellt die Milchviehhaltung ein Zuerwerb dar. Ohne die Blockabkalbung wäre es wohl für Martin und seine Frau bedeutend anstrengender nebenher noch arbeiten zu gehen. Und der rüstige Vater packt auch noch ordentlich mit an. Der Stall wurde mit einfachen Mittel umgebaut und der Auslauf und der Misthaufen in der Mitte stellen vielleicht auch einen gewissen Anziehungspunkt für Hofkunden dar. Der Weidemelkstand ist eine interessante Alternative zum festen Melkstand. Melken draußen auf der Weide, bei frischer Luft und morgendlichem Vogelgezwitscher ist doch verlockend.

Wer mal Lust hat auf die Homepage zu schauen, Tipps und Tricks rund um die Vollweide:

www.weidemilch.ch

Das nächste Treffen wird im Juni/Juli stattfinden. Dann wollen wir mal sehen, wie es bei uns in der Heimat läuft.

 Matthias Becker

Matthias Becker
BÖL-Rottenburg

Tel. 0 76 82 / 92 03 01
Fax 0 76 82 / 92 03 02

Schwerpunkte: BWL, Rinder, Grünland, Umstellungsberatung

 

 
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